Jenseits von Chatbots - Wo sind die großen KI-Hebel?
Alles ist jetzt KI, aber was lässt sich erreichen, wenn KI mehr ist, als die Nutzung von Chatbots? Ein systematischer Versuch der Annäherung.
Jeden Mitarbeiter verstärken mit dem Zugriff auf Chatbots, Agenten und spezialisierte Lösungen ist ein guter Anfang. Im Marketing anfangen mit der KI-Reise ist sinnvoll und pragmatisch. Aber wo liegen die großen Hebel oder war’s das schon? Schauen wir uns das genauer an.
Reifeprüfung
Um herauszufinden, wo die großen Gewinne durch KI erzielt werden können, lohnt es sich, auf die unterschiedlichen Reifegrade zu schauen. Hierfür nutzen wir ein einfaches Modell mit drei Stufen:
Stufe 1: Augmentation
KI wird genutzt, um Mitarbeitern erweiterte Möglichkeiten zu verschaffen. Prozesse bleiben grundsätzlich gleich, Systeme werden nicht modifiziert oder integriert.
In dieser Stufe geht es um die Realisierung von persönlichen Gewinnen bei der täglichen Arbeit. Der Mitarbeiter wird durch KI verstärkt oder erweitert. Das Ziel ist, die Effizienz, die Qualität oder das Volumen zu steigern. In der Regel werden dieselben Aufgaben erledigt, jetzt aber mit einem neuen Werkzeug, welches das alte ersetzt und dadurch diese Gewinne erzeugt. Hierfür gibt es viele Beispiele von der Unterstützung bei der Erzeugung oder Zusammenfassung von Texten, der Wissenserweiterung durch den Einsatz eines Chatbots oder der Skill-Erweiterung durch KI-Funktionen in Excel. In der Regel werden nur Schritte in vorhandenen Prozessen ersetzt, der Prozess selber bleibt gleich.
Stufe 2: Adaption
Prozesse werden umgestellt und mit KI erweitert. Systeme werden modifiziert oder um KI erweitert bzw. mit KI-Systemen integriert.
Durch KI können viele Prozesse anders gestaltet werden, als bisher. Reihenfolgen in den Prozessschritten ändern sich, manuelle Schritte können automatisiert werden und dadurch auch mit vorhandenen Systemen kommunizieren. Die Hürde ist in dieser Stufe größer, weil auch KI die Aufwände in der Umstellung von KI-Systemen nur bedingt beseitigen kann. Der initiale Aufwand ist jedoch gerechtfertigt durch einen klar berechenbaren Return on Invest. Die Umstellung ist langfristig und stabil, KI wird zum festen Bestandteil.
Stufe 3: Transformation
Vorgehensweisen ändern sich grundlegend und KI wird von Anfang an einbezogen. KI wird Bestandteil des Kerngeschäfts. Neue Angebote werden auf Basis von KI entwickelt, die es ohne KI nicht gäbe.
Wenn die Möglichkeiten der neuen Technologie *Künstliche Intelligenz* in einer gewissen Tiefe verstanden werden, entwickelt sich oft automatisch der Gedanke, dass damit nicht nur bestehendes verbessert werden, sondern ganz neues entstehen kann. Das ist dann echte Transformation, die einen großen und nachhaltigen Einfluss auf die Wertschöpfung in Art und Umfang haben kann. Von Predictive Maintenance als neuem Serviceangebot über Synthetische Medienproduktion bis zum autonomen Roboter gibt es bereits heute eine ganze Reihe an Beispielen. Zugegebenermaßen ist es alles andere als einfach, diesen Reifegrad zu erreichen. Es lohnt sich aber um so mehr und kennzeichnet das, was oft gemeint ist, wenn von technologischer Revolution die Rede ist, vielleicht am besten.
Und jetzt?
Mit einem Blick auf diese Definition von Reifegraden lässt sich unmittelbar erkennen, dass es nicht damit getan ist, jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter einen ChatGPT-Account zu verschaffen, wenn sich die Nadel wirklich bewegen soll. Das soll nicht heißen, dass dies nicht trotzdem sinnvoll ist. Im Gegenteil: Die Nutzung und damit das Erlernen und die Gewöhnung an die Arbeit mit KI ist ein wichtiger Erfolgsfaktor. Vielleicht sogar mehr als das, nämlich das Fundament auf dem die großen Erfolge stehen können. Es muss nicht ChatGPT sein, aber eine möglichst vielfältige Unterstützung und Befähigung sowie eine vielfältige Tool-Landschaft sind gerade in der ersten Stufe wichtig. Während der Reifung der einzelnen Personen und der Organisation im Umgang muss auch mit Rückschlägen gerechnet werden - es könnte also sein, dass es erst einmal schlechter wird, bevor es besser werden kann.
Nicht stolpern
Die weitere Entwicklung - und es ist eine Entwicklung, also kein Projekt und keine plötzliche Erscheinung - geht umso schneller, wenn sich erste Erfolge einstellen und die Berührungsängste abgebaut sind. Organisationen mit einer ausgeprägten Innovations-, Fehler- und Feedback-Kultur sind hier im Vorteil. Wenn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Angst davor haben, etwas falsch zu machen, dann werden sie alles Neue ablehnen. Es hilft also auch hier organisatorisch und kulturell den Boden zu bereiten. Dazu gehört auch, Glaubenssätze zu bekämpfen und mit einer positiven Führung voranzugehen. Mit der Metapher der Stufen wird auch deutlich, dass es zwar möglich ist, einzelne Stufen zu überspringen, aber wie an einer richtigen Treppe steigt die Gefahr, zu stürzen und sich blaue Flecken zu holen. Anders ausgedrückt: Wenn ich Stufe 3 - Themen anfasse, will ich das nicht mit einer Mannschaft tun, die nicht sehr fähig und trainiert im Umgang mit KI ist, sonst wird es schnell existenzbedrohend für das gesamte Unternehmen. Für die Wertschöpfung von morgen brauche ich Profis. Nur mit denen lässt sich eine neue, KI-basierte Wertschöpfungskette, ein neues KI-basiertes Produkt oder ein neuer KI-basierter Geschäftsbereich aufbauen und zu einem profitablen Geschäft machen. Da die wenigsten Unternehmen dafür auch noch auf komplett neues Personal setzen können oder wollen, müssen alle fit gemacht werden für die Zukunft.
Große Fragen
Letztlich kommen auch mit optimal absolvierten Vorstufen die großen Durchbrüche in Stufe 3 nicht von alleine, leider. Aber mit einem profunden Verständnis der Technologie und der Kenntnis der Kunden, ihrer Bedürfnisse und des Marktes lassen sich große Dinge entwickeln. Man muss dafür aber auch die großen Fragen stellen:
Welche Bestandteile meines Geschäfts werden durch KI vulnerabel, weil die Eintrittsschwelle für Wettbewerber niedriger wird?
Welche Bestandteile meines Geschäfts muss ich umstellen, weil es der gesamte Markt tut und ich nicht mithalten kann, wenn ich es nicht tue?
Was kann ich in meinem Markt mit KI tun, was ohne KI nicht ging und wie schaffe ich es, dass schnell und mit hoher Qualität zu tun?
Sind alle meine Angebote trotz KI noch marktfähig? Wenn nicht, muss ich sie anpassen oder aufgeben?
Das ist unbequem, aber wertvoll. Wie immer bei neuen Technologien gilt: Lieber die Disruption selber durchführen, als ihr von außen ausgeliefert sein!



